Idomeneo Reloaded, der Dresdner Neumarkt und neuer Urtextfetischismus

Strauss dirigiert Mozart
Auffällige Parallelen zwischen dem Dresdner Neumarkt 2006 und Strauss‘ Idomeneo: auf dem Neumarkt zum Einen historische Fassaden wie auf einer Modelleisenbahn, zu Anderen um die Ecke moderne Zweckbauten angeflanscht und auf maximale m² getrimmt. So ähnlich auch bei Strauss‘ Idomeneo: eine Mozartbearbeitung der Zeit mit Retuschen in den Arien, auffällig vor allem in der Instrumentierung und natürlich im neu übersetzten Libretto, drastischste Brüche, Dissonanzen, fast Cluster und Strauss’sche Eskapaden in den neuen Orchesterrezitativen und Zwischenspielen. Da fängt die Solooboe oder das Horn plötzlich in Strauss’scher Manier an, Sänger zu begleiten und man fühlt sich für Momente in ein anderes Stück, in eine ganz andere Zeit versetzt. Die Brüche zum neu komponierten sind deutlich, das war wohl beabsichtigt. Aber wie mag das 1942 auf der Bühne gewirkt haben? Heute ist die Aufführung dieser vollständigen Neubearbeitung sicher ausschließlich aus Strauss-Musealen Gründen interessant, eröffnet es doch einen kleinen Einblick in die Mozart-Behandlung der Vorkriegszeit, als weitreichende Mozartbearbeitungen eine lange Tradition hatten, was heute ins Gegenteil mit Urtextfetischismus und Aufführungspraxishuberei umgeschlagen ist. Wie wird man in 60 Jahren über die heutigen Interpreten denken?

Ur|text|fe|ti|schis|mus, der; -: (Völkerk.) Glaube an die magischen Kräfte einer neuen Ausgabe nach den bekannten Quellen, ohne Beachtung des Revisionsberichtes und der Verantwortung, vorhandenen Musikinformationen nicht leichtfertig neu zu verfälschen. Siehe auch „Mein lieber Wachtel, eine Viertel ist keine Achtel„.