Seemann, hast du mich vergessen?

Operette in der DDR: Kevin Clarke schrieb dem „Neuen Deutschland“ einen Artikel, wie ihn die deutlich dezimierte ND-Leserschaft vermutlich gern liest: „Fast so, als würde man sich in [der Staatsoperette] Dresden für die eigene [DDR]-Vergangenheit schämen.“ Er beklagt eine fehlende Forschung zum Thema und fehlende CDs bzw. Aufführungen. „Seemann, hast du mich vergessen?“ Nun ja, was die Aufführungen betrifft, ist es meiner Ansicht so wie mit allen Ausgrabungen: es muß einen wichtigen Grund geben, Stücke, die einst ihr Publikum fanden, wieder auf die Bühne zu bringen. Schmissige Musik allein reicht nicht, das zeigten zahlreiche Beispiele von ehrgeizig ausgegrabenen Musiktheatertiteln an verschiedensten Theatern, die vielleicht Perlen der Musik enthalten, dramaturgisch aber überhaupt keinen Anlaß zur Wiederaufführung boten und rein musealen Charakter trugen. Dann doch bitte die Musik in den Vordergrund rücken und konzertant aufführen und danach die Noten schnell wieder vergraben! Sozialistisches Musiktheater? Will keiner mehr sehen. Die Musik indes ist wie so oft eine nähere Betrachtung wert.

httpv://www.youtube.com/watch?v=uRrjJCRb7xs

Plankton der Woche:

Am besten gefällt mir der Jony Ive Imitator mit dem Apfel in der Hand.
httpv://www.youtube.com/watch?v=Y3rNQ2pTyAY

Korngold: Songs of the Clown, op. 29 „Come away, death“ gesungen von Marianne Beate Kielland
httpv://www.mbkielland.com/#!listen/ceoj

5 comments

  1. „..es muß einen wichtigen Grund geben, Stücke, die einst ihr Publikum fanden, wieder auf die Bühne zu bringen“ – die Operette ist ein Fossil. Und ihre Aufführungsstätten eine Art museale Landschaft. Welchen wichtigen Grund gibt es für das Rössl oder den Grafen von Luxemburg, welcher „In Frisco ist der Teufel los“ versagt bleiben sollte? Damit wäre man doch recht modern. Und wer sollte sonst ein Erbe pflegen?

  2. Meine Rede! Ein Grund ist z.B., daß es eine gewisse Nachfrage für das Stück gibt. Beim „Rößl“ muß man schon sehr viel falsch machen, daß keiner kommt. „Frisco“ ist zweifellos fetzige Musik, bleibt eben die Frage offen, ob die Arbeiterklassen-Handlung noch zieht und wenn ja, wie man sie inszeniert. Wenn Ausgrabungen dramaturgisch nicht taugen, dann bitte gern konzertant. Was das museale betrifft: auch im Museum bleiben viele Werke im Depot, auch im Museum haben Bilder einen Grund, einen Zusammenhang in dem sie gezeigt, gehängt werden. Was ins Museum gehört, hat Richard Strauss ja schon festgestellt: Mozart, etwas Gluck und viel Strauss, allerdings Richard.

  3. Ja, her mit den Masanetz‘ , Natschinskis und & Co. Her mit den Ohrwürmern auf die Produktionskraft der Leipziger Messe und die VEBs, her mit den Nationalpreisträgern der DDR. Das Problem ist aber wohl, dass da einige erst einmal ihre eigene Vergangenheit aufarbeiten müssten, um einen geeigneten Blick darauf zu bekommen. Die Staatsoperette Dresden allen voran. Wie war das dort eigentlich so in den 60ern und 70ern oder in den Jahren vor der Wende? Sind ja noch genug da, die das wissen sollten.
    Was könnte man sich nicht alles für ironische, böse, kritische und doch unterhaltsame Konzepte vorstellen. Schostakowitsch hat darüber ja sogar eine Operette geschrieben. Nur stünde ja zu befürchten, dass der „Silbersee“ im Publikum die Distanz gar nicht mitbekommt und sich wieder an schneidigen Kolchoseliedern und Erntearbeiterchören im Dreivierteltakt erfreut. Und hinter den Kulissen auch der eine oder die andere.

    1. Mir fehlen bei Herrn Schneider jetzt noch einige Reizwörter (Staasi, Unrechtsstaat). Aber ich stimme ihm tendenziös zu, es war nicht alles gut in der DDR. Und in den 60ern und 70ern oder in den Jahren vor der Wende war es sicher nicht anders in der Staatsoperette als im Rest des Landes. Man hatte einen schmalen Spielraum und das Publikum wusste kleinste Nuancen zu deuten. Grobmotorischen Salonsystemkritikern von heute ist der Zugang da leider vollkommen verbaut.

      1. Und da reichen fünf Jahre Studien des Salonsystemkritikers unmittelbar an der Quelle scheinbar auch nicht aus, um jetzt mit Ergebnissen punkten zu können. Statt dessen verharrte er im Konjunktiv. Vertane Chance.

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